Von Amina Mendez
Die 10. Arabic Music Days vom 15. bis 19. September 2026 im Pierre Boulez Saal brachten besondere Musikerlebnisse nach Berlin. Unter dem Titel „Jasmine Maqam“ widmete sich die Konzertreihe Ensembles aus afrikanischen Ländern, deren Musik auf einer Jahrhunderte alten Tradition beruht. Am 18. September gaben Musiker aus Tunesien ein Gastspiel: das Quartett Nasmāt Carthage (arab. ناسمات قرطاج) unter Leitung des Multi-Instrumentalisten Ali Dridi.
Das Ensemble verbindet Jahrhunderte alte Musiktraditionen und tief in der Erde verwurzelte Rhythmen mit der arabischen Dimension afrikanischer Kulturen. Es zeigt Tunesien als musikalisch-kulturellen Schmelztiegel, der am Schnittpunkt zwischen Afrika, dem Nahen Osten und Europa seit Jahrtausenden die kulturellen Einflüsse seiner Nachbarn aufgenommen hat. Es ist eine Musik, die von Generation zu Generation weiter getragen wird und sich heute modern wandelt.
Der „Maqam“ ist ein melodischer Modus, der im gesamten arabischen Musikraum verbreitet ist. In Tunesien hat der Maqam seine spezielle Ausprägung erfahren. Seine charakteristische Struktur und Ästhetik ist auf die andalusischen Wurzeln zurückzuführen. „Jasmine Maqam“ bezieht sich auf die Nationalblume Tunesiens, die Jasminblüte, und meint das gesamte musikalische Erbe des Landes.
Die Besetzung des Quartetts Nasmāt Carthage vereint traditionell arabische Instrumente mit klassischen europäischen Instrumenten. Mit Klavier, Violine, Klarinette und dem Kanun, der traditionellen tunesischen Kastenzither, bringt das Ensemble die Welt der arabischen Musik mit Spielweisen der westlichen Klassik und des Jazz zusammen.
Feier des interkulturellen Austausches
Vor Konzertbeginn gab es im Foyer Snacks aus der nordafrikanischen Küche wie Couscous-Salat, Hummus, Tabouleh und Baba Ghanoush. Als Musiker die Bühne betraten, lag eine erwartungsvolle Spannung im fast ausverkauften Saal.
Die Kanun-Virtuosin Dr. Khadija El Afrit erschien in einem traditionellen weißen Kaftan mit Goldstickereien und perlmuttfarbenem Turban. Die drei Musiker trugen schwarze Anzüge und die traditionelle rote Kopfbedeckung, den Fes, auch bekannt als Tarbusch.
Ali Dridi spielte Violine oder Klarinette, Haitham Ben Ali am Flügel und Keyboard und Mohamed Ben Hamida brachte Schlagwerk und Chimes zum Einsatz. Die traditionelle arabische Kastenzither Kanun wurde von Dr. Khadija El Afrit gespielt. Der Konzertsaal erlaubte ein intimes Konzerterlebnis. Bald breitete sich musikalische Begeisterung im Publikum aus, die sich durch rhythmisches Klatschen ausdrückte.

Während der neunzigminütigen Konzertdauer präsentierte das Ensemble Nasmāt Carthage elf Stücke, die die traditionelle andalusisch-tunesische Kunstmusik, den Malouf, moderne Klassiker, Jazz-Einflüsse und populäre Rhythmen zu einem Gesamtkunstwerk entwickelten.
Der Programmaufbau folgte einer elaborierten Struktur, die eine kontinuierliche musikalische Steigerung beschrieb.
Eine ausgefeilte Dramaturgie
Das Konzert begann mit einer Interpretation von Jazzgitarristen Fawzi Chekili, der traditionelle nordafrikanische Musik mit westlichem Funk verband. Improvisationen einzelner Instrumente gaben der Musik eine emotionale Färbung und akustische Intimität.
Die Einstimmung ging über in traditionelle Rhythmen. Mohamed Ben Hamida brachte mit seinem Schlagwerk akzentuierte Klangelemente ins Spiel. Es folgten verschiedene Waslat, Suiten, wie Maqam Isba’yan und Wasla im Maqam Mazmoum, die in verschiedenen Tempi, mal getragen mal dynamisch, vorgetragen wurden.
Die nächste Phase brach die traditionelle Struktur durch die westlichen Instrumenten auf. Ein dynamischer Dialog entstand zwischen den Instrumenten der unterschiedlichen Kulturkreise. Dabei entfaltete sich eine Verschmelzung der verschiedenen Musikeinflüsse. Populäre Stücke der tunesischen Moderne, von Hédi Jouini und Ali Riahi fanden ihre Bühne, ebenso Stücke von tunesischen Künstlern der Weltmusik wie Anouar Brahems, Parfum de Gitane. Alles lief auf das Ziel der Symbiose, „Tarab“, hinaus – die musikalische Verzückung und tiefe emotionale Verbindung zwischen Künstlern und Publikum.
Beim Finale gipfelte das Spiel in seinem Höhepunkt. Alle Instrumente kamen vollends zum Einsatz und feierten die Fusion aller einfließenden Rhythmen. Das Stück „Ya Rayah“ des algerischen Chaâbi-Sängers Dahmane El Harrachi erhob sich dabei zu einem völkerverbindenden Klang.
Rituelle tunesische Trancemusik, bekannt als Stambali, bildete den Abschluss des Konzerts, Hymnen wie Sidi Mansour und Baba Bahri führten das Konzert zum Ausklang.
Musik, die im Ohr weiterklingt
Das Publikum ließ sich auf die musikalische Reise mitnehmen. Während des Tarab, der „emotionalen Ekstase“ oder dem Hauptteil des Konzerts gipfelte auch die Begeisterung des Publikums. Leuchtende Augen, verträumt lächelnde Gesichter und sich im Rhythmus wiegende Oberkörper füllten die Sitzreihen. Ein Jubelruf aus den oberen Reihen ertönte, dann ein kurzer Triller. Es war nicht zu übersehen noch zu überhören: Der Freudenfunken war vollends auf die Zuhörer übergesprungen.
Das Quartett Nasmāt Carthage aus Tunesien spielte mitreißende erstklassige Musik, an die man sich auch lange Zeit nach dem Konzert gerne zurück erinnert. Standing Ovations des Publikums nahmen die Beifall gewohnten Spitzenmusiker eher gelassen hin, nach einer kurzen Zugabe verließen sie zügig und leise den Saal.
Weitere Informationen:
Public Media — Lokal, regional und global sichtbar: offene Medienebene, offene Medienkooperationen.
