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Filmkollektiv GENERATION TOCHTER – Finanzierung als kleine Produktion

Filmkollektiv GENERATION TOCHTER

Von Kira Sutthoff

Wir haben es geschafft. GENERATION TOCHTER, ein junges, unabhängiges Filmkollektiv aus Berlin konnte sein Ziel erreichen: bis Anfang Februar 20.000 Euro für die Realisierung des zweiten Drehblocks Ihres Coming-of-Age Actionfilms zu sammeln:

„Die geplanten Actionszenen umzusetzen, war im Vorhinein eine Hürde, die wir dank der Unterstützung unserer Mitmenschen problemlos nahmen.“

Ermöglicht wurde dies, wie bei vielen kulturellen Nachwuchsprojekten, gerade während der Corona-Pandemie, über ein Crowdfunding auf der Plattform Startnext.
Auf diese Weise wurden bisher die ersten beiden Drehblöcke finanziert.

Doch wie gewinnt man als unabhängiger Film ohne Gimmicks, ohne Starpower, ohne überwältigende Werbung die Crowd? Damals konnte das Kollektiv noch kein Drehmaterial vorlegen und musste einzig mit der Idee und dem Konzept überzeugen. Das Potenzial sahen viele, Unsicherheit bestand aber darüber, ob ein Langfilmprojekt überhaupt unkommerziell zu stemmen sei.
Erst die Unterstützung von Freund*innen, Verwandten, Bekannten und deren Vertrauen in das Filmprojekt, ließ einen „Proof of Concept“ zu. „Das erste Crowdfunding hat uns dann die Chance gegeben, unsere Fähigkeiten unter Beweis zu stellen“, erinnert sich Produzent Dareios Haji Hashemi.

Die Crowd entscheidet

„Die Vorbereitung auf eine Crowdfunding-Kampagne ist intensiv, anstrengend und extrem aufwendig. Fast am schlimmsten ist aber die Zeit während der laufenden Kampagne. Es herrscht ein konstanter Stresspegel und die Nerven liegen blank“, resümiert Produzentin Nicola Herrmann. Alle Gefühle würden dabei durchlebt. „Die ersten Spenden gehen ein und alle sind motiviert und aufgeregt: ‚wir schaffen das Ziel!‘“ Doch dann komme das Tal der Tränen. Die Spendensumme bleibt ein paar Tage konstant, latente Panik bricht aus, alle Reserven und Notfallpläne werden durchgespielt. Nicht nur enge, sondern nun auch ferne Kontakte werden ausgepackt: alte Lehrer*innen, Dozierende, Fußballtrainer*innen, Facebook-Kontakte aus der Schulzeit.

Kurz vor Ende der Kampagne steigt die Spendensumme wieder. Aufatmen, Hoffen, Mitfiebern. „Tägliches, wenn nicht stündliches Updaten der Crowdfunding Seite gehört mittlerweile zur Tagesroutine. Am Schluss sind alle glücklich, wenn das Crowdfundingziel erreicht wurde.“
Die Unterstützer*innen sind nicht mehr ausschließlich finanziell, sondern nun auch emotional involviert. Über die Kampagne wurde ein tolles Gemeinschaftsgefühl geschaffen, denn nur zusammen kann das Projekt verwirklicht werden.

Das Interessante am Crowdfunding? Die Crowd steht im Mittelpunkt. Sie entscheidet, was gefällt, was unterstützenswert ist und was gefördert werden soll. Es sind die zukünftigen Zuschauer*innen, Besucher*innen oder Teilnehmer*innen, die das Projekt zum Leben erwecken. Es werden aktiv Entscheidungen gefällt. Es ist demokratisch. Es ist meistens für einen guten Zweck. Für das Projekt selbst ist die Crowdfunding-Kampagne dadurch bereits zu Beginn ein Spiegel des Interesses und Erfolgs.

Der beschwerliche Weg der alternativen Finanzierung

Das Sammeln von Geldern ist eine der größten Herausforderungen, wenn es um unabhängiges Filmemachen geht. Für kleine Produktionen und Newcomer wie auch Start-Ups ist Crowdfunding oft der einzige, oder zumindest erste Weg, um Projekte zu finanzieren. Kultur- oder Filmförderungen hängen an vielen Regularien und Anforderungen, die für kleinere Projekte oftmals kaum oder nicht umsetzbar sind. Hier fehlen meist die Strukturen oder es hakt an der Wirtschaftlichkeit. Bevorzugt werden Konzepte gefördert, die bereits bekannt sind, da sie Erfolg versprechen. Neue Ideen, neue Initiativen müssen für Fördergelder hart kämpfen.

Was gibt es also für Alternativen? Stiftungen? Hier trifft man auf ein ähnliches Schema wie bei den Förderungen. Privatinvestor*innen? Eine gute Möglichkeit, die allerdings meistens nur über private Kontakte funktioniert. Beim Thema Sponsoring begibt man sich schnell auf Glatteis – denn die meisten Unternehmen und Konzerne, die viel Geld haben, will man vielleicht eher weniger auf der Sponsor*innen-Liste aufführen. Sich an die eigenen Prinzipien zu halten, ist wichtig, macht aber vieles nicht gerade leichter. Alle Unternehmen, die zum eigenen Konzept passen, haben oftmals selber wenig Rücklagen. Ein ständiger Balanceakt zwischen den eigenen Idealen und der Machbarkeit des Projektes.

Bildunterschrift: In einem einsamen Waldstück nahe Demmin (Mecklenburg-Vorpommern) dreht das Kollektiv große Teile des zweiten Drehblocks.

Foto: Anna Stocker/annascortek
Bildunterschrift: In einem einsamen Waldstück nahe Demmin (Mecklenburg-Vorpommern) dreht das Kollektiv große Teile des zweiten Drehblocks.
Foto: Anna Stocker/annascortek

Bleiben noch Partnerschaften und Kooperationen. Hierfür hat GENERATION TOCHTER ein eigenes Team, dessen Aufgabe es ist, an Partner*innen heranzutreten, nach Sachspenden zu fragen, aber auch nach finanziellen Unterstützungen und Ermäßigungen. Das Spektrum reicht dabei von Technik und Kostümverleihen bis zu Versicherungen und Verpflegung.

Junjie Li ist seit Kurzem im Kooperationsteam dabei: „Das Projekt hat alles, nur kein Geld“, sagt sie. “Wir haben eine gute Story mit spannender Darstellung. Alle engagieren sich leidenschaftlich für die Filmproduktion. Und nicht zuletzt hat das Kollektiv diese neuartige Idee, so einen Film fertigzustellen, welche ganz anspruchsvoll ist, vor allem in der aktuellen Situation.” Gerade während der Corona-Pandemie sei es schwierig, Sponsor*innen zu gewinnen. Die potenziellen Partner*innen befänden sich gerade selbst in einer prekären Lage oder unterstützen bereits andere Projekte, sodass der Funding-Topf schon komplett ausgeschöpft sei, bedauert sie.

Auf einer Bank am Waldrand nahe Demmin (Mecklenburg-Vorpommern) dreht das Kollektiv große Teile des zweiten Drehblocks.
Foto: Anna Stocker/annascortek
Auf einer Bank am Waldrand nahe Demmin (Mecklenburg-Vorpommern) dreht das Kollektiv große Teile des zweiten Drehblocks.
Foto: Anna Stocker/annascortek

Ein kollegiales Gefüge

Doch die Anstrengungen zahlen sich aus. Während das Netzwerk immer weiter wächst, werden immer mehr Menschen von dem Filmprojekt angezogen und sind bereit, es zu unterstützen. Es konnten bereits Partnerschaften mit Kamera Ludwig, Filmservice Linert, der NochMall sowie Bloc-Inc., der Spreehalle und diversen kleineren Unternehmen geschlossen werden, um nur einige zu nennen.

Durch dieses Zusammenspiel der Finanzierungsmöglichkeiten kann ein kollektives Gefüge entstehen oder vielleicht auch ein gemeinschaftliches Herzensprojekt, davon sind alle überzeugt. „Es klingt kitschig, aber selbst mit wenig Geld kann man in einer Vereinigung von Crowdfunding-Unterstützer*innen, Kooperationen und viel Schweiß und Blut wirklich einiges erreichen“, so das Filmteam.

Close-up auf Clara (Alida Stricker) während einer Autoszene kurz vor einem Überfall.

Foto: Ana Chernykh/anachephoto
Close-up auf Clara (Alida Stricker) während einer Autoszene kurz vor einem Überfall.
Foto: Ana Chernykh/anachephoto

Kira Sutthoff ist Mitglied von GENERATION TOCHTER und hat diesen Gastbeitrag verfasst, der mitten in der Corona-Krise Einblick in einen innovativen Weg eines Filmteams gibt, der Mut macht!