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Berlin: für die Lufthansa nur eine kleine Nummer?

Lufthansa Boeing 747-8

/// Kolumne /// – Die Lufthansa-Group ist stolz auf ihre positiven Geschäftszahlen. Die Airlines verbuchten im Juli 2018 rund 14,2 Millionen Passagiere. Das entspricht dem 3,8 fachen der aktuellen Bevölkerungzahl Berlins. Bei 86,3 % Auslastung hätte die Lufthansa-Grouo sogar noch Platz gehabt, um die Hälfte aller Berliner mitfliegen zu lassen.
Betrachtet man diese Zahlen, so wird pötzlich klar, wie klein das Berliner Fluggastgeschäft aus der Sicht von Dr. Kay Lindemann aussieht, der seit März neuer Leiter Konzernpolitik und Bevollmächtigter des Vorstands der Deutschen Lufthansa AG ist.

Er wendet sich gegen eine Ausweitung des Angebots neuer Langstreckenflüge von und nach Tegel – obwohl sich Berlin trotz Folgen der airberlin-Insolvenz weiter im Aufwind befindet. Der Berlin-Tourismus verzeichnet ein Wachstum, das ein neues Rekordjahr 2018 verspricht.

Deutschlands größte Fluggesellschaft scheint Berlin als Luftfahrtstandort abgeschrieben zu haben: „Angesichts der überschaubaren wirtschaftlichen Kraft Berlins kann man von uns nicht verlangen, die Stadt mit vielen Direktverbindungen an die Wirtschaftsmetropolen dieser Welt anzubinden“, sagte Lindemann gegenüber dem Tagesspiegel.

Bei der IHK-Berlin löste dies Verärgerung aus. Jan Eder, Hauptgeschäftsführer der IHK Berlin, sagte dazu:

„Wenn Herr Lindemann von einer überschaubaren Wirtschaftskraft Berlins spricht, zeugt das von Unkenntnis. Ein Blick auf die Rahmendaten der Berliner Wirtschaft wäre sicher hilfreich gewesen: An den Berliner Flughäfen steigen schon heute mehr Passagiere ein und aus als in München oder Frankfurt am Main. Und nicht nur Dax-Konzerne nutzen Flugzeuge für Geschäftsreisen und Luftfracht. Gerade die Berliner Industrie ist besonders international aufgestellt und erwirtschaftet 60 % ihres Umsatzes international. Jährlich exportiert Berlin Waren im Wert von gut 15 Mrd € und hat ein Importvolumen von gut 14 Mrd.€, ein nicht unwesentlicher Teil davon wird per Luftfracht transportiert. In den ersten sechs Monaten des Jahres kamen rund 6,4 Millionen Besucher nach Berlin, das sind 4,4 Prozent mehr als im Jahr zuvor. Die Zahl der Gäste aus dem Ausland stieg sogar um 4,7 Prozent auf 2,5 Millionen. Darüber hinaus ist Berlin international gefragter Tagungs- und Kongressstandort mit einem Gesamtumsatz von 2,5 Milliarden Euro. Im ersten Halbjahr 2018 kamen erstmals mehr als eine Million Kongressgäste aus dem Ausland – ein Wachstum zum Vorjahr um 10 Prozent. 171 diplomatische Vertretungen und 10 Vertretungen internationaler Organisationen haben ihren Sitz in der Stadt – und Berlin ist Regierungssitz. Laut einer aktuellen Umfrage des Flughafenverbandes ADV ist die Hauptstadtregion übrigens das Ziel, zu dem die meisten Langstreckenpassagiere in Deutschland wollen.“

Der Zeitpunkt für einen Streit mit der Lufthansa ist denkbar ungünstig. Genau ein Jahr nach der airberlin-Pleite scheint es nur um einen Jahrestag des Weltluftverkehrs zu gehen.

IHK Berlin versus Lufthansa
Gespannte Atmosphäre: Jan Eder, Hauptgeschäftsführer der IHK Berlin und Dr. Kay Lindemann, Leiter Konzernpolitik und Bevollmächtigter des Vorstands der Deutschen Lufthansa AG – Pressefotos

Doch es geht um mehr: die Überlegungen von SIEMENS, einen Innovationscampus in Berlin-Siemensstadt zu gründen, würden natürlich auch die Lufthansa-Standorte München und Frankfurt/Main berühren.

IHK-Haupt-Geschäftsführer Eder erinnerte auch an die Folgen der deutschen Teilung für Berlin:

„Die historischen Gründe, die dazu geführt haben, dass Berlin bis 1989 in der wirtschaftlichen Entwicklung und Ansiedlung von Dax-Konzernen nicht mit anderen Regionen Deutschlands mithalten konnte, dürften hinlänglich bekannt sein. Wer sich jedoch die Wachstumsraten Berlins seit der Wende und insbesondere in den vergangenen Jahren ansieht, stellt fest, welches Potential die Stadt bietet. Momentaufnahmen und Verkürzung auf einzelne Standortfaktoren verstellen dagegen den Blick auf dieses Potential.
Oder geht es bei diesen Äußerungen nicht eigentlich darum, die Standorte in Frankfurt und München zu schützen? Aus Unternehmenssicht wäre das sogar verständlich. Das darf aber nicht dazu führen, eine ganze Wirtschaftsregion ohne sachliche Grundlage öffentlich zu diskreditieren.“

Der vordergründige Streit ist jedoch nicht gut für den Standort Berlin – und auch nicht für den Exportstandort. Alle Beteiligten sind in Berlin auf das Engste miteinander verwoben. Die Politik mit ihrer Verantwortung für die Hauptstadt Berlin und für den besherigen Fehlschlag am BER. Die Lufthansa mit ihrer direkten Konkurenz und Beteiligung, die mit zur airberlin-Pleite führte – und der Lufthansa-Group einen stabilen Erfolgskurs bescherte. Und auch SIEMENS ist am Gelingen des Flughafen BER nicht unbeteiligt.

Wirtschaftspolitisch und geschäftspolitisch fehlen allen Beteiligten noch Visionen

Es wird Zeit in den wichtigen deutschen Exportbranchen auf Visionen und Synergien zu setzen. Gerade Berlin kann als Hauptstadt und wirtschaftspolitisches Zentrum einen kreativen Schub bringen. Siemens kann seine weltweit gefragten Schlüsseltechnologien weltweit nur verkaufen, wenn man auch vor Ort Projekte, Stadtwerke und Finanzierungen im rechtssicheren Raum realisieren kann.
Bildung, Organisation, Bauplanung und Engineering, Projektentwicklung müssen künftig wieder stärker in den Blick genommen werden.
Nicht nur Forschung und Entwicklung, Industrie 4.0 und Supereffizienz-Produktion zählen beim weltweiten Wachstum der Städte – sondern vor allem auch Umsetzungskompetenz und Systemintegration vor Ort. Nicht nur Börsenkurs und Jahresergebnisse zählen, sondern die Systementwicklung von Verkehrs- und Energiesystemen und Stadtsystemen, die einen langanhaltenden und nachhaltigen „Longtail“ der Wertschöpfung haben.

Berlin, die Politik, SIEMENS und Lufthansa und die gesamte Exportwirtschaft brauchen einen kreativen Turnaround. Künftig ist mehr volkswirtschaftliches Systemdenken gefragt, dazu auch eine passende Wirtschaftpolitik, die ganze Staaten befähigt, selbst neue Städte und Infrastrukturen aufzubauen UND zu betreiben.

Berlin ist die ganz große Nummer – wenn sich alle Akteure endlich den großen Dimensionen der Weltmärke stellen, statt nur auf Quartalszahlen zu schauen. Vor allem kann von den Tourismus-Innovationen der ITB Berlin gelernt werden, die aufzeigen, wie man künftig Messen und Exportgeschäfte in weltweite Synergien bringen kann!

ms