Mittwoch, 24. Juli 2024
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Ein Festival voller musikalischer Inspirationen aus Korea

Festival für Koreanische Neue Musik im Konzerthaus Berlin

Von Amina Mendez

Das Festival für Koreanische Neue Musik (FKNM) im Konzerthaus am Gendarmenmarkt brachte an zwei Tagen „Koreanische Neue Musik für alle“ nach Berlin. Die koreanische Neue Musik (Changjak-Eumak) wurde im 20. und 21. Jahrhundert komponiert. Die musikalische Grundlage entstand unter König Sejong im 15. Jahrhundert.
Das koreanische Kulturzentrum lud offiziell ein, am Sonntag, dem 29. Oktober, und am Montag, dem 30. Oktober 2023, in die große Welt der koreanischen Neuen Musik einzutauchen. Unter den Vortragenden befand sich auch der bekannte deutsche Schauspieler, Komponist, Chorleiter und Sprecher Christian Steyer.

Das Ensemble nunc KOREA gestaltete den Sonntagabend, am Montag präsentierte das Ensemble K’ART seine musikalische Kunst. Das zweitägige Festival ließ am Sonntag Musik auf westlichen Instrumenten erklingen, am Montag wurde vor allem auf traditionellen koreanischen Instrumenten musiziert.

Philosophisch und nachdenklich

Die Präsentationen am Sonntag gliederten sich in sieben bildhafte Szenen. Das Programmheft half, die Musikszenen zu übersetzen. Jede Szene wurde instrumental vorgetragen und und teilweise von Gesang begleitet.

Die erste Szene „Walking on the Snow is …“ entführte in die persönliche Gedankenwelt.
Der Zuhörer entwickelte die Vorstellung, im tiefen Schnee zu laufen und dabei in seine Gedanken zu versinken. Dann später wandelte sich der Schnee zu Staub:
„… Auf Schnee zu laufen bedeutet, sinnlose Gedanken zu haben. An einem bestimmten Punkt wurde es schwierig für uns, auf Schnee zu laufen. Die Welt war voller Staub, nicht Schnee, und wurde in einem ungereinigten Zustand zurückgelassen. Wir weisen die wertvolle Gelegenheit zurück, auf Schnee zu laufen, und treten in eine Welt, die von Staub verschmutzt ist. Schnee kommt unerwartet und plötzlich. Menschen halten nach Schnee Ausschau, aber Schnee wartet nicht auf uns. Seid etwas aktiver. Die Natur bewegt sich von selbst. Wir verhüllen die bewegte Natur mit etwas Trüben.“

Die zweite Szene „Wellenbewegung“ befasste sich musikalisch mit verschiedenen Wellenerscheinungen der Natur sowie den menschlichen Emotionen und Stimmungen. Licht, Klang, Emotionen bringen fünf verschiedene Bewegungen zum Ausdruck, sie ähneln denen von Wellen: eine ansteigende Welle, eine statische Welle, eine fallende Welle, eine komplexe Welle und eine nicht zu definierende Welle. Eine Kombination aus Flöte und zwei Klarinetten sowie verschiedene Töne und Tonumfänge sollten die unterschiedlichen Wellen beschreiben.

Die dritte Szene präsentierte ein lyrisches Gedicht PAR III, vers für Violine und Klavier. Danach folgte die Rastlose Liebe für Sopran, Klarinette, Cello, Percussion und Klavier, nach dem Gedicht von Johann Wolfgang von Goethe. Tonal fragil und minimalistisch folgte Sungji HONG mit dem Estavrosan für Flöte, Klarinette, Violine, Cello und Klavier, das erst 2020-2022 komponiert wurde.

Die sechste Szene glich einer musikalischen Meditation. Sie warf zwei Fragen auf: „Ist Musik ein Klang? – Was ist jenseits des Klangs?“ — Ein ins Innere führender Pfad, begleitet von Violine, Klarinette und Piano.

Festival koreanischer Neuer Musik  im Konzerthaus Berlin
Abschlussstück „Marilysses“ – Interpreten: (v.l.) Christian Steyer, Seunghun Shin Yona Bong (Dirigent), Sojeong Son, Eunbi Jeong, Soobhin Kim – Foto: © Amina Mendez

Facettenreichtum der alten und neuen koreanischen Kultur

Koreanische Musik verbinden viele Menschen heute weltweit vor allem mit K-Pop. Wer kennt ihn nicht, den südkoreanischen Sänger Psy, der 2012 Bekanntheit über das Internet mit seinem Riesenhit Gangam Style erlangte. Er holte dabei mehrfache Guinness-Book-Rekorde ein. Die populäre südkoreanische Musik eroberte im 21. Jahrhundert die Welt. Sicherlich verstärkte K-Pop dabei auch die globale Aufmerksamkeit für die süd-koreanische Kultur der Musik, des Tanzes und der Kulinarik.

Koreanische Kultur blickt aber auf eine über 10000-jährige Geschichte zurück. Sie hat Einflüsse aus dem gesamten asiatischen Raum assimiliert und ihren eigenständigen Charakter bewahrt. Auch hat die südkoreanische Musik eine sehr alte Tradition.

Doch erst seit dem 15. Jahrhundert wird sie aufgezeichnet: Der damalige König Sejong erfand im Jahr 1443 die koreanische Schrift Hangeul und machte sie im Jahr 1446 offiziell bekannt. Nun konnte die bisher mündlich überlieferten Stücke und Lieder einem breiteren Schülerkreis weitergegeben werden.

Zahlreiche traditionelle Instrumente hat Korea hervorgebracht. Saiteninstrumente aus Holz, wie die Gayageum oder die Geomungo bringen die typischen Klänge koreanischer Musik hervor.

Trommeln und Schalmeien werden auch heute noch für den Rhythmus eingesetzt. Bambusflöte Piri oder Daegeum sorgen für die Höhenlagen ebenso wie die Wölbbrett-Zither Ajaeng. Viele dieser alten koreanischen Instrumente wurden am Montag vorgestellt.

Das Instrument „Yulgwan“ ist auch in die Gestaltung des Logos für das Festival für koreanische Neue Musik eingeflossen. Die Yulgwan ist eine Tonpfeife. Das zylindrische Musikinstrument kann die zwölf Standardtöne der traditionellen Musik erzeugen. Sie findet auch Verwendung für die Herstellung von Musikinstrumenten.

Eigene Geschichte — eigener Stil des Changjak-Eumak

Die koreanische Neue Musik, auch Changjak-Eumak genannt, unterscheidet sich von der deutschen zeitgenössischen Musik durch ihre besondere Geschichte. Insbesondere die Interpretation von teils philosophischen Gedankenbildern geben ihr einen sehr individuellen Charakter.

Die westliche klassische Musik erreichte Korea erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts im Zuge der Ankunft von westlichen Missionaren in Korea. Mit der Kolonialisierung Koreas durch Japan (1910-45) versuchten die japanischen Kolonialherren, die traditionelle koreanische Musik auszulöschen. Stattdessen dominierten westliche und japanische Einflüsse die Musik des Landes. Auch nach 1945 schritt die Verwestlichung der koreanischen Musik weiter voran. Ab den 1970er Jahren bemühte sich dann die südkoreanische Regierung um die Förderung der koreanischen Musik.

In den späten 1960er Jahren setzten sich Paik Pyong-dong und Kim Chong-gil, beide geboren in den 1930er Jahren, für die Übernahme westlicher Kompositionstechniken des 20. Jahrhunderts ein. Der koreanisch-deutsche Komponist Yun I-sang lebte in Berlin-Gatow, wo er auch 1995 verstarb. Er brachte als erster Künstler Formen und Klänge der traditionellen koreanischen Musik mit der zeitgenössischen europäischen Musik zusammen.

In der Dritten Generation moderner Musiker:innen Koreas erfolgte tendenziell eine Abkopplung von westlichen Musikkonventionen. Yi Keon-yong, geboren 1947, vertrat die Auffassung, „echte koreanische Musik“ sei unmöglich, wenn man sich ausschließlich an westlichen Techniken orientierte. In dieser Zeit entstand auch die erste „koreanische“ Musiktheorie.

In der heutigen Zeit steht die Synthese von Ost und West im Vordergrund. Koreanische Musiker bringen das künstlerische Erbe und westliche Musik in schöpferischer Weise zusammen. — Das Festival für Koreanische Neue Musik (FKNM) gehört inzwischen zu den herausragenden Konzertereignissen in Berlin, das viele Brücken und musikalische Verbindungen zwischen dem Mutterland der klassischen Musik und der Republik Korea baut.

Ensemble nunc KOREA
Ensemble nunc KOREA im Konzerthaus Berlin – Foto: © Amina Mendez

Weitere Informationen:

Koreanisches Kulturzentrum Berlin