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Digitale deutsche Einheit?

Digitale Öffentlichkeit

Von Michael Springer

Der 3. Oktober wird als großer Tag der deutschen Einheit gefeiert! Vom Bundespräsidenten über die Bundeskanzlerin, bis zu Bürgermeistern und Zeitungsredaktionen beherrscht das Thema die „Agenda des Tages“. Die friedliche Revolution wird fast wie ein Wunder beschworen: die Jahre 1989 und 1990 werden als Höhepunkte des Ringens um Freiheit, Demokratie und Einheit beschrieben.

Doch gleichzeitig sind Demokratie und offene Gesellschaft in ihrem innersten Kern bedroht! Ausgerechnet die Wächter der Demokratie in den Zeitungsredaktionen scheinen blind für die Gefahr zu sein: Journalisten, Kolumnisten, Kommentatoren, Redakteure und Verlagsmanager arbeiten als Angestellte am großen Projekt „Digital first“ mit.

Ein weltumspannendes Megaprojekt wird forciert: „Qualitätsjournalismus“ und immer mehr wichtige Informationen verschwinden damit hinter „Leser-Paywalls“. Die Big-Data-Internetökonomie treibt das Megaprojekt an! Die große Hoffnung: Anzeigenwerbung und digitale Geschäftsmodelle tragen den Journalistenberuf in die Zukunft.

Sind es trügerische Hoffnungen? Welche Folgen hat dieses Megaprojekt „Digitalisierung“? Verändert es die politischen Öffentlichkeiten der Zivilisation? Verändert sich Journalismus? Wird „Clickbaiting“, das Betteln um digitale Klicks, zum neuen Motiv für Schlagzeilen, Bilder und „virale Videos“? Wissen Journalisten was sie schreiben, wenn sie schreiben „das Netz tobt, rast, flippt aus?“ – Sind Shitstorms und Media-Kampagnen Wirklichkeit, oder nur Simulationen?
Lokalzeitungen können da nicht mithalten! Sie sterben weltweit aus!

Gehen Einheit und Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse verloren?

Was passiert, wenn eine Stadt oder Region nicht genügend Einwohner hat, um eine Lokal-Zeitung mit digitalen Anzeigen-Erträgen zu finanzieren? Was passiert wenn neutrale, dem Pressekodex verpflichtete Lokaljournalisten und Langzeitbeobachter ihre Arbeitsplätze für immer räumen? Sind alle Folgen des Lokalzeitungs- und Redaktionssterbens bedacht?

Wird etwa politisches Handeln davon beeinflusst? Denn nur noch 1,71 Prozent aller Bürger (über 16 Jahre) sind noch in Parteien organisiert. Und nur ein Bruchteil aller Politiker ist auf Twitter und in populären Talkshows aktiv.
Ersetzt Social-Media-Kommunikation die analogen und medialen Öffentlichkeiten der Stadtgesellschaften? Oder entstehen hier unkontrollierbare Echokammern, Informationsblasen, Informationseliten und Verschwörungs-Sekten?

Sorgt „Qualitätsjournalismus hinter Leser-Paywalls“ sogar unbeabsichtigt für zerstörerische Folgen, weil das digitale Kommunikationsfeld entstehen kann, auf dem Populismus, Vereinfachungen und Verschwörungstheorien gedeihen? Gibt es auch bei uns schon „Nachrichtenwüsten?“ in Stadt und Land?

Was passiert hinter den Titelseiten der Digital-Zeitungen?

Was passiert wirklich hinter den Titelseiten „digitaler Zeitungen,“ wenn man die vorgeschalteten sogenannten „Consent-Tools“ anklickt? Werden Privatheit und digitale Bürgerrechte etwa per Klick an „unbekannte Dritte“ abgetreten? Holen sich Trackerdienste IP-Nummern, Browserverlauf, letzte besuchte Seiten und Themen ab? Werden heimlich Personenprofile erstellt, um mehr als nur „personalisierte Werbung“ verteilen zu können?

Wer liest die Datenschutzerklärungen, und zählt die in digitalen Zeitungen eingebauten Tracker-Tools? Haben Sie schon einmal die Liste der Drittanbieter in ihrer Zeitung gezählt, und deren AGB´s durchgelesen?

Können Sie sich vorstellen, wie viele Seiten AGB´s das Megaprojekt „Digitalisierung“ inzwischen begleiten und zusammenhalten sollen?
Entsteht da eine Welt mit tausenden AGB´s, deren Einzelbestimmungen jederzeit und ohne Widerspruch veränderbar sind?

Grundsatzfragen kommen auf: „Ist das noch eine freiheitliche, offene Gesellschaft, wenn sie nur durch AGB´s und Anklicken nicht durchgelesener Bestimmungen funktioniert?“ – „Werden Menschenrechte, Verfassungsrechte und Informationsrechte durch AGB´s gebrochen oder eingeschränkt?“

Wir müssen über die Technologien hinter den Leser-Pawalls reden!

„Sind die Verleger und Zeitungsherausgeber selbst noch frei, wenn sie noch vor dem Titellogo ihrer nach dem Medienstaatsvertrag verantworteten Zeitung ein Logo von Facebook, Twitter, Instagram und YouTube aufschalten?“ Kann ein Herausgeber einer großen Tageszeitung heute überhaupt noch seine Zwecke und Ziele selbst verantworten. Oder wird er selbst zum Spielball von Daten-Ökonomien und medial-technologischen Fehlentwicklungen einer stürmischen Internet-Ökonomie, die ganz nebenbei ein weltweites Lokalzeitungssterben verursacht?

Die große Bedrohung: Bevölkerungswachstum und Digitalisierung

Im weltweiten IKT-Wettbewerb kommt neben China und USA eine weitere „wachsende und unbekannte Macht“ auf:

Das weltweite Bevölkerungswachstum ist ein exponentieller Faktor, dessen systemische Folgen weltweit noch nicht richtig eingeschätzt werden:

Wie soll eine auf Allgemeinwissen, Wissenschaft, Verantwortung und Regeln basierte Weltzivilisation wachsen können, wenn die Einheit einer durch Allgemeinöffentlichkeit geprägten Gesellschaft in „zahlende Leser“ und „Nichtlesende“ geteilt wird? Geht auch im Berlin die „Einheit der Stadtgesellschaft“ nach und nach verloren?

Was passiert dazu, wenn weltweit Bildungsressourcen zu knapp sind, und öffentliche Kommunikation über vertrauenswürdige Medien unmöglich wird?
Allein um Ziele der UN-Agenda für Nachhaltigkeit 2030 zu erreichen, werden weltweit mindestens 30-40 Mio. neue Lehrkräfte benötigt, die in Schulen, Berufsschulen, Volkshochschulen und Fachschulen den Nachwuchs ausbilden. Die Ausbildung der Lehrkräfte nimmt bis zu 5 Jahre in Anspruch. Die nutzbare Zeit bis 2030 ist dafür sehr knapp.

Weltweit fehlen inzwischen auch 6-7 Mio. lokale Journalisten, Moderatoren, Kultur- und Sprachmittler und Berichterstatter. Auch deren Ausbildung und Erwerbsbeschäftigung müssen erst gesichert werden!

Pressefreiheit hinter Leser-Paywalls wird zum Risiko

Der „Qualitätsjournalismus hinter Leser-Paywalls“ fördert Ungleichheiten und stabilisiert ungerechte Einkommens- und Vermögensverhältnisse.
Steht das im Einklang unserer Verfassung, die Freiheit, Gleichheit und gleichwertige Lebensverhältnisse garantieren will?

Auch Gefühle von Kontrollverlust und Wut bei benachteiligten Gruppen werden indirekt erzeugt. Das „Gefühl von Abgehängsein“ wird unmittelbar durch Paywalls hervorgerufen, wenn das Einkommen zu klein ist. Politische Radikalisierung, Tribalisierung und Populismus und auch Hass wachsen, wenn auch kultur- und lebensnotwendiges Wissen von Bezahl-Abos abhängt.
Führt die „Digitalisierung“ unsere vielfältigen Zeitungslandschaft von fast 15.700 Zeitungen In Deutschland in eine völlig falsche Richtung?
Ist die Konzentration der Macht der „Anzeigensysteme“ und “Marketing-Mittler“ auch ein Problem für alle Verlage, Zeitungsverleger und eine Gefahr für Pressefreiheit und Journalismus weltweit?

Wie sieht die einheitliche Grundversorgung mit Lokalinformationen und Zeitungsjournalismus von bundesweit 10.799 Städten und Gemeinden in 16 Bundesländern aus?

Muß sich Journalismus immer die Allgemeinheit der Menschen im Leser-Einzugsgebiet im Blick haben, um eine gültige, glaubwürdige und gesellschaftsstiftende Rolle ausfüllen zu können? Hängen auch lokale Märkte und soziale Marktwirtschaft von funktionierenden Zeitungen ab?
Brauchen wir eine andere, disruptive Zeitungsökonomie „ohne Leser-Paywalls?“

Ist der „digitale Kulturwandel“ im weltweiten Journalismus eine noch größere Bedrohung, als der durch Menschen verursachte Klimawandel?

Wird die fragile demokratische Kultur in den großen Demokratien damit beschädigt? Verliert die Zivilisation möglicherweise ihr soziales Wissen, ihr soziales Kapital, um den Wandel zu einer regelbasierten nachhaltigen Zivilisation und Weltordnung zu meistern?

Auf diese Fragen müssen neue Antworten gefunden werden!

Mit einer disruptiven Zeitungsökonomie „ohne Leser-Paywalls“ wird hier der erste Schritt gemacht, einen Diskurs über Öffentlichkeit und Einheit einer offenen Gesellschaft neu herzustellen.

ms