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Friedrichstraße soll Flaniermeile werden

Straßenfest „Friedrich, the Flâneur“

In der Friedrichstraße wird der erste Berliner Superblock nach dem Vorbild der Superblocks in der Smart City Barcelona angebahnt:

Am 29. August beginnt der Großversuch „Flaniermeile Friedrichstraße“ im Straßenabschnitt zwischen Leipziger Straße und Französische Straße (siehe Karte).
Bis Ende Januar 2020 wird der Straßenraum in der „Flaniermeile Friedrichstraße“ völlig neu aufgeteilt. Eine Durchfahrt für den Autoverkehr ist nicht möglich. Die Friedrichstraße soll eine neue Aufenthaltsqualität entwickeln. Die Hoffnung: mehr Urbanität, Bummeln, Shoppen, mehr Flanieren und Erlebnisqualität. Auch Entschleunigung, nachhaltige Mobilität, Anreise per ÖPNV und der gepflegte Café- oder Restaurantbesuch sind gewünscht. Die Straßenschlucht des „Steinernen Berlin“ soll mehr Flair und Atmosphäre ausstrahlen, und sehr viel einladender werden.

Straßenfest „Friedrich, the Flâneur“ am  05. und 06. Oktober 2019
Straßenfest „Friedrich, the Flâneur“ am 05. und 06. Oktober 2019

65 Bäume mit Sitzgelegenheiten und Parklets werden aufgestellt, ebenso Glas-Vitrinen (sogenannte Showcases), die von Geschäften zur Präsentation ihrer Angebote kostenlos genutzt werden können.

Das Konzept wurde vom Aktivistenverein Changing Cities e.V. und der Arbeitsgruppe Netzwerk Fahrradfreundliche Mitte ausgearbeitet. Und wird nun von der Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz umgesetzt. Dr. Stefan Lehmkühler von Changing Cities sagte dazu: „Seit über einem Jahr haben wir als zivilgesellschaftlicher Player konkrete Pläne für ein Gesamtkonzept zur Strukturierung des Verkehrs in Berlins Mitte entwickelt und im Gespräch mit wesentlichen Beteiligten abgestimmt. Dass jetzt die Friedrichstraße als Verkehrsversuch umgesetzt wird, ist ein klares Zeichen dafür, dass klimaangepasste Stadtplanung bei der Berliner Wirtschaft und Politik angekommen ist.“

Die Transformation der Friedrichstraße und die vielen Ideen und Einzelprojekte der „Flaniermeile Friedrichstraße“ sorgen für eine völlig neue Orchestrierung der urbanen Mitte Berlins.

Regine Günther, Senatorin für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz erwartet positive Veränderungen: „Die Friedrichstraße soll zu einer Flaniermeile werden – zu einer attraktiven Stadtstraße, in der die Menschen nicht nur durchhasten, sondern sich gern aufhalten, gerne bummeln und gerne shoppen. Innenstädte werden lebenswerter und menschenfreundlicher, wenn wir den vorhandenen Straßenraum neu verteilen, mit mehr Platz für Fußgänger*innen, Radfahrende und für kreative Gestaltungsideen. Ich bin sehr gespannt, wie sich die Friedrichstraße ohne Autoverkehr entwickeln wird – und ich freue mich über das große Engagement aller Beteiligten an diesem Projekt.“

Die Umgestaltung des Straßenraums soll Einzelhändlern, Kaufhäusern und
Filialisten und den Flagship-Stores zugute kommen, und auch der lokalen Kreativ- und Kulturwirtschaft, sowie Gewerbetreibenden.
Mehr Attraktivität, mehr Fußgänger, mehr Radfahrende – eine Zunahme der für den Handel so wichtigen Besucher-Frequenzen werden erwartet.

Galeries Lafayette Berlin
Galeries Lafayette Berlin in der Friedrichstraße 76-78 in 10117 Berlin – Foto: Pressefoto

IHK, Einzelhandelsverband und „Die Mitte e.V.“ äußern sich ablehnend

Jan Eder, Hauptgeschäftsführer IHK Berlin äußert sich populistisch und bezeichnet das Projekt als „Autofreie Friedrichstraße“. Nils Busch-Petersen, Hauptgeschäftsführer des Handelsverband Berlin-Brandenburg, wiederholt seine seit zwanzig Jahren immergleiche Luftforderung, „ein tragfähiges Konzept zur Stärkung des Handels“ vorzulegen, so als ob Stadt nur aus „Koofmichs“ besteht. Busch-Petersen blendet dabei eigene Verantwortung für die Umsetzung zukunftsfähiger Konzepte im stationären Handel völlig aus!

Conrad Rausch, Sprecher der Standortgemeinschaft „Die Mitte e.V.“ reiht sich hinter IHK und Einzelhandelsverband ein, und beklagt die fehlende Partizipation, und hat damit nicht ganz unrecht.

Offenbar gibt es aber auch übergreifende politische Kommunikations- und Strukturprobleme, denn die 170 Mitglieder von „Die Mitte e.V.“ haben seit 2018 nicht viel an neuen Ideen und Konzepten in eigener Sache für Berlins Mitte entwickelt. Die Mitgliedschaft ist offenbar viel zu heterogen, um ganzheitliche Konzepte auf den Weg zu bringen.
In der Folge treffen traditionelle Verbandinteressen auf Ideen und Konzepte der jungen Generation und der aktiven Citizens, die Geschäftsinteressen neu und nachhaltig definieren, und Urbanität, Gemeinwohl und Mobilität ganzheitlicher planen wollen.

Die drei Verbände reden mit ihren aktuellen Stellungnahmen an der Stadtgesellschaft vorbei, und müssen nun wohl selbst ihre eigene Zukunftsfähigkeit überprüfen und auch ihre Verbandspolitiken überdenken.

Flankierende Untersuchungen zu Verkehr und Umweltqualität

Mit der Flaniermeile Friedrichstraße werden zentrale Bausteine der Berliner Mobilitätswende in einem konkreten Straßenabschnitt unmittelbar „erfahrbar“ und „erlebbar“. Begleitend wird untersucht, wie sich die Verkehrsströme, Luftqualität und Lärmbelastung verändern. Für Stadtmarketing-Experten und Handelsexperten ergeben sich durch diesen Groß-Versuch auch messbare neue Erfahrungen zu Attraktivität, Angebotsmix, Kundenfrequenzen und Kaufverhalten.

Kommunalpolitik mit Wirtschaftsförderkulisse

Stephan von Dassel, Bezirksbürgermeister von Mitte hat viel Vorarbeit geleistet, und eine eindruckvolle Förderkulisse für Berlins Mitte zusammengebracht. Die Zusammenarbeit zwischen der Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz und Bezirksamtes Mitte von Berlin sowie der Senatsverwaltung für Wirtschaft, Energie und Betriebe sichert mehrere Förderprogramme. Gefördert wird das Projekt im Rahmen der Programme Europäischer Fonds für regionale Entwicklung (EFRE), Aktionsprogramm Sauberes Berlin undWirtschaftsdienliche Maßnahmen (WDM). Ferner gibt es bezirkliche Maßnahmen zur Verbesserung der Standortbedingungen von Gewerbebetrieben und Zuschüsse für besondere touristische Projekte.

Stephan von Dassel: „Ich bin optimistisch, dass es uns gemeinsam mit allen Beteiligten gelingt, die Friedrichstraße zu einer Marke zu machen, die weit über Berlin hinaus für anspruchsvolles Gewerbe und Gastronomie steht. Einkaufsstraßen haben Zukunft, wenn der öffentliche Raum nicht durch den motorisierten Individualverkehr dominiert wird.“

Das wichtigste Erfolgs-Element muss allerdings vom Handel selbst kommen: „Angebote, Einladungen, Services und Qualitäten, die Berlin-Mitte zu einem einladenden und inspirierenden Ort machen!“

Weitere Informationen:

Flaniermeile Friedrichstraße startet Ende August